Interview mit Prof. Dr. Susanne Wurm zur Neuerscheinung „Prävention und Partizipation: neue Ansätze in der Altenhilfe“
Im Interview erfahren wir u.a. was Ageismus ist und welche Auswirkungen er auf ältere Menschen hat.
dv aktuell: Frau Prof. Dr. Wurm, im Kontext Ihrer Präventionsforschung befassen Sie sich mit „Ageismus“. Was ist darunter zu verstehen?
Wurm: Der WHO zufolge bezeichnet Ageismus Stereotype (wie wir denken), Vorurteile (wie wir fühlen) und Diskriminierung (wie wir handeln) gegenüber anderen oder sich selbst aufgrund des Alters. Ageismus kann grundsätzlich zwar alle Altersgruppen betreffen, ist aber besonders für ältere Menschen relevant, da negative Zuschreibungen vor allem das höhere Lebensalter betreffen.
dv aktuell: Welche Auswirkungen hat Ageismus auf ältere Menschen?
Wurm: Im Rahmen der #MeToo-Bewegung wurde vielen Menschen bewusst, dass sich Sexismus in vielfältiger Weise zeigt. Auch bei Ageismus geht es darum, dass dieser subtil in vielfältigen Lebensbereichen besteht, z.B. in der Arbeitswelt und der Gesundheitsversorgung. Ältere Menschen richten Ageismus zudem gegen sich selbst. Das kann beispielsweise dazu führen, dass sie Dinge in ihrem Leben nicht mehr ändern, weil sie denken, sie seien dafür zu alt. Ageismus hat negative Auswirkungen auf die Lebensqualität und Gesundheit bis hin zur Lebensdauer.
dv aktuell: Welche gesamtgesellschaftlichen Folgen hat Ageismus und wie kann diesen begegnet werden?
Wurm: Vor einigen Jahren hat eine Studie die jährlichen Krankheitskosten von Ageismus in den USA mit rund 63 Mrd. Dollar beziffert. Die Folgen sind jedoch breiter und betreffen den gesellschaftlichen Zusammenhalt, gerade in Zeiten vielfältiger, steigender Kosten. Ein persönlicher Austausch auf Augenhöhe und einander verbindende Aktivitäten von Menschen unterschiedlicher Generationen tragen zur Reduzierung von Ageismus bei. Politik, Wissenschaft, Medien und Gesellschaft sollten sich gegen Ageismus positionieren und einseitige und negative Altersstereotype korrigieren. Dies ist entscheidend, damit Maßnahmen für ein aktives und gesundes Altern inklusiv und gerecht sind.
Zur Person
Prof. Dr. Susanne Wurm leitet die Abteilung für Präventionsforschung und Sozialmedizin am Institut für Community Medicine, Universitätsmedizin Greifswald.
Zur Neuerscheinung: Prävention und Partizipation: neue Ansätze in der Altenhilfe