Soziale Berufe: wertgeschätzt, aber nichts wert?

dv aktuell: In Ihrer Studie haben Sie den ambivalenten gesellschaftlichen Blick auf soziale Berufe untersucht: „wertgeschätzt, aber nichts wert“ – wie ist das zu verstehen?

Die Zuspitzung im Titel verweist auf eine Diskrepanz: Soziale Berufe gelten als gesellschaftlich relevant und unverzichtbar, erfahren jedoch unzureichende Anerkennung. Diese zeigt sich unter anderem in einer Falschrahmung durch Außenstehende, die die Komplexität und Professionalität der Tätigkeiten verkennen. Treffender wäre daher: „viel wert, aber kaum anerkannt“.

dv aktuell: Welche Auswirkungen hat diese Ambivalenz auf die Fachkräfte, die in Ihrer Studie zu Wort kommen?

Für Fachkräfte bedeutet diese Ambivalenz eine belastende Erfahrung: Sie erleben ihre Arbeit als sinnvoll, anspruchsvoll und gesellschaftlich notwendig, sehen sich jedoch gleichzeitig mit mangelnder Anerkennung konfrontiert. Dies führt zu Frustration und erschwert die Identifikation mit dem Beruf. Die Notwendigkeit kollektiver Handlungsperspektiven wird dabei zwar benannt, bleibt jedoch unkonkret.

dv aktuell: Die von Ihnen diagnostizierte „Anerkennungskrise“ mindert auch die Attraktivität sozialer Berufe. Wie und auf welcher Ebene kann dem entgegengewirkt werden?

Der Anerkennungskrise kann auf mehreren Ebenen begegnet werden: durch strukturelle Verbesserungen wie bessere Arbeitsbedingungen und Vergütung, aber auch durch eine stärkere öffentliche Sichtbarkeit und berufspolitische Interessenvertretung. Zentrale Voraussetzung und zugleich Ziel sind ein höheres gesellschaftliches Bewusstsein sowie die Korrektur bestehender Falschrahmungen sozialer Berufe.

Zur Person
Nina Breßlein, BA Heilpädagogik/Inclusion Studies, MA Praxisforschung in Sozialer Arbeit und Pädagogik, arbeitet als systemische Supervisorin in Berlin.

Zur Publikation "Soziale Berufe: wertgeschätzt, aber nichts wert?"