Interview mit Dr. Irme Stetter-Karp
Liebe Frau Stetter-Karp, starten wir einmal „kurz und knapp“: Wenn Sie Ihre Zeit als Präsidentin des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V. in drei Worten beschreiben müssten – welche wären das?
Vielfalt, Sorgfalt, Konsens
Sie haben den Deutschen Verein sechs Jahre begleitet. Wenn Sie auf diese Zeit zurückblicken: Was bleibt Ihnen besonders in Erinnerung und was nehmen Sie für sich mit aus dieser Zeit?
Während der durch die Pandemie bedingten Umstellung auf ausschließlich digitale Gremienarbeit war ich fasziniert, wie eine Konzentration auf die Sachebene ein gutes Zusammenwirken auch unter erschwerten Bedingungen ermöglicht. Offensichtlich fehlte aber doch auch der Raum für Begegnungen. Deshalb war die Freude über das Wiedersehen untereinander beim ersten Hauptausschuss, der wieder in Präsenz tagen konnte, überaus groß.
In Erinnerung ist mir die intensive Phase, als wir in einer kleinen Dreiergruppe im Präsidialausschuss die Vorauswahl für die Vorstandswahl übernommen haben. Hier bewährte sich die Entscheidung für eine professionelle Begleitung durch eine externe Agentur und die vertrauensvolle Zusammenarbeit im kleinen Kreis.
Aus den beiden Fürsorgetagen in Essen und Erfurt nehme ich ein Spannungsverhältnis mit zwischen einem für die Branche bedeutenden Event und einer in Relation überschaubaren Präsenz in der Öffentlichkeit. Glücklicherweise konnten wir – auch durch die Eröffnung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Erfurt die öffentliche Resonanz verbessern. Für mich persönlich nehme ich die positive Erfahrung aus der Moderationsarbeit in den Gremien mit.
Der Deutsche Verein bringt Kommunen, Wohlfahrtsverbände, Länder, Wissenschaft und viele weitere Akteurinnen und Akteure der Sozialpolitik, des Sozialrechts und der Sozialen Arbeit zusammen. Was zeichnet die Arbeit des Deutschen Vereins aus Ihrer Sicht besonders aus?
Der Blick dafür, was in der Praxis an Handreichungen benötigt wird, in welchen Feldern innovative Anstöße sinnvoll sind, erfordert die Aufmerksamkeit für die Arbeit vor Ort in den Fachausschüssen, Arbeitskreisen und Arbeitsgruppen. Die Arbeit im Deutschen Verein ist gekennzeichnet von der hohen Fachexpertise der Mitarbeitenden in der Geschäftsstelle und der Mitglieder bzw. Delegierten im Deutschen Verein. Die Vielfalt von Perspektiven, der Mix aus unterschiedlichen politischen Ebenen, der Grad des rechtlichen, praktischen und konzeptionellen Knowhows sind das Pfund des Deutschen Verein. Diese Vielfalt zu managen, wird auch in Zukunft die hohe Kunst sein, die Führungsarbeit im Deutschen Verein verlangt.
Der Sozialstaat steht unter Druck und die Herausforderungen sind groß: Was sind die Themen, die Ihnen dabei am wichtigsten sind? Und wo sehen Sie den Deutschen Verein künftig besonders gefordert?
Ich habe als Sozialarbeiterin 1980 beruflich begonnen, kenne die Entwicklungen in verschiedenen Feldern des Sozialen damit seit Jahrzehnten. Deutschland hat in den leistungsfähigen Sozialstaat viel investiert.
Für manche Entwicklungen musste lange gerungen werden, ich denke beispielsweise an die Frage der Infrastruktur in der frühkindlichen Bildung und Erziehung. In den letzten 25 Jahren ist es leider nicht gelungen, die Bedeutung der sozialstaatlichen Investitionen für Solidarität und Zusammenhalt in der Bevölkerung in der Gesamtbevölkerung zu vermitteln. Das rächt sich jetzt in einer politisch fragilen Situation, in der Aufrüstung zur Priorität Nr. 1 wird. Ich bedaure, dass die Armutsentwicklung, insbesondere auch die Kinderarmut nicht nachhaltig verbessert wurde. Es ist bedrückend, dass Bildungskarrieren bis heute so sehr vom Elternhaus und deren Geldbeutel abhängen.
In mehreren Handlungsfeldern lagen die Prognosen lange auf dem Tisch, wie in der Frage des demografischen Wandels und seiner Folgen für eine weitsichtige Pflegepolitik. Dramatisch ist das zu nennen, was in der Wohnungspolitik versäumt wurde. Ich sehe den Deutschen Verein nach innen besonders dort gefordert, wo der Konsens zwischen den Leistungsträgern und den Leistungserbringern gefährdet ist, wie aktuell in der Eingliederungshilfe. Im Außenverhältnis ist zu wünschen, dass er noch mehr Aufmerksamkeit in der Legislative für seine Empfehlungen erhält.
Nun haben Sie das Amt weitergegeben. Wo werden wir Ihnen in Zukunft noch begegnen können?
Ich habe mich vor wenigen Tagen in der Kommission Sozialpolitik des Deutschen Caritasverbandes verabschiedet, von meinem letzten aktiven Ort in den Wohlfahrtsverbänden. Ich werde weiterhin durch mein Amt als Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken häufig in Berlin und unterwegs sein. Begegnungen können sich eher zufällig ergeben, so vor wenigen Tagen bei einem Empfang, als ich auch einzelne Delegierte des Deutschen Verein traf.
Zum Schluss noch einmal zurückgeblickt: Gibt es einen Moment, bei dem Sie heute noch lächeln?
Zum Abend der Begegnung beim Deutschen Fürsorgetag gehört Tanz. Als junge Frau habe ich leidenschaftlich getanzt. In Erfurt zog die schwungvolle afrikanische Band mich regelrecht auf die Tanzfläche, eine schöne Erinnerung.
Zur Person
Dr. Irme Stetter-Karp war von 2020 bis 2026 Präsidentin des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V. Die Sozialwissenschaftlerin, ehemalige Ordinariatsrätin und Direktorin des Caritasverbandes der Diözese Rottenburg ist zudem die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.