Dokumentation der Hauptausschusssitzung 2026

Am 16. September 2026 fand die turnusmäßige Hauptausschusssitzung des Deutschen Vereins mit rund 130 Teilnehmenden im publix Haus für Journalismus und Öffentlichkeit in Berlin-Neukölln statt. Neben zentralen Vereinsregularien, wie die Wahl eines neuen Präsidenten, stand als Schwerpunktthema die Generationengerechtigkeit im Fokus. Zudem wurde der Cäcilia-Schwarz-Förderpreis für Innovation in der Altenhilfe an zwei Wissenschaftlerinnen verliehen.

Tagesordnung der Hauptausschusssitzung 2026

Präsidentin Dr. Irme Stetter-Karp, betonte in ihrer Begrüßungsrede, dass die Frage nach einem gerechten Ausgleich im Miteinander der Generationen von zentraler Bedeutung ist, wenn es darum geht, Reformen im Sozialstaat zukunftsfest zu gestalten.

In ihrem Bericht aus der Arbeit und zur wirtschaftlichen Lages des Deutschen Vereins stellte Vorständin Dr. Verena Staats u.a. kurz die Ergebnisse der Mitgliederumfrage aus dem Frühsommer dieses Jahres vor. Die sehr positiven Rückmeldungen zeigen, dass der Deutsche Verein viel zu bieten habe und seine Arbeit geschätzt wird. So haben unter den Teilnehmenden der Umfrage rund 95 % angegeben, dass sie sehr zufrieden bzw. zufrieden mit der Arbeit des Deutschen Vereins sind. Positive Rückmeldungen gab es auch für die Angebote des Deutschen Vereins. Das gilt vor allem für die Stellungnahmen und Empfehlungen. Auch die Publikationen und Fachveranstaltungen des Deutschen Vereins werden ebenfalls für die hohe fachliche Qualität geschätzt und als hilfreich für die tägliche Arbeit angesehen. Große Wertschätzung gab es hinsichtlich der Funktion des Deutschen Vereins als Ort für Vernetzung und Austausch und eine hohe Zufriedenheit bezüglich der Veranstaltungsformate und zur Servicequalität der Geschäftsstelle. 

Bericht der Vorständin Dr. Verena Staats

Vereinsregularien

Im Rahmen der Vereinsregularien standen die Jahresrechnung und der Prüfbericht für das Jahr 2025, die Feststellung des Jahresabschlusses und die Entlastung des Präsidiums auf der Tagesordnung.

Im Ergebnis haben die Mitglieder des Hauptausschusses den Jahresabschluss 2025 festgestellt und das Präsidium für das Geschäftsjahr entlastet.

Thomas Deiters, Sprecher des Finanzbeirats, führte durch den Tagesordnungspunkt.

Ralph Spiegler zum Präsidenten gewählt

Ein Highlight der Vereinsregularien in diesem Jahr war die Wahl eines neuen Präsidenten. Vorgeschlagen wurde Ralph Spiegler. Er war 32 Jahre lang der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Nieder-Olm. Zudem ist er amtierender Präsident des Deutschen Städte- und Gemeindebunds (DStGB) und Ehrenvorsitzender des Gemeinde- und Städtebundes Rheinland-Pfalz. Die Mitglieder des Hauptausschusses des Deutschen Vereins haben Ralph Spiegler einstimmig zum neuen Präsidenten gewählt.

Zur Wahl standen auch zwei Vizepräsidenten: Burkhard Hintzsche, Stadtdirektor Landeshauptstadt Düsseldorf wurde einstimmig wiedergewählt und Achim Meyer auf der Heyde, Vorsitzender des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes - Gesamtverband e. V. mit sehr großer Mehrheit neu gewählt. Ebenso mit jeweils großer Mehrheit wurden auch die weiteren 18 Kandidat*innen in das Präsidium gewählt bzw. wiedergewählt.  

Übersicht Präsidiumsmitglieder

v.l.n.r.: Dr. Irme Stetter-Karp, Ralph Spiegler, Dr. Verena Staats

Verabschiedung von Dr. Irme Stetter-Karp

Einen besonderen Moment der Hauptausschusssitzung bot die Würdigung und Verabschiedung der scheidenden Präsidentin Dr. Irme Stetter-Karp. Die Sozialwissenschaftlerin, ehemalige Ordinariatsrätin und Direktorin des Caritasverbandes der Diözese Rottenburg sowie Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken hat nach sechs Jahren das Amt niedergelegt. Vizepräsident Burkhard Hintzsche hob in seiner Würdigung hervor, dass sie es immer mit Bravour geschafft habe, mit Geduld die unterschiedlichen Positionen und manchmal auch divergierende Positionen, in den Präsidiumssitzungen zusammenzubringen und diese zu einem gemeinsamen Ergebnis zu führen und dankte ihr – auch im Namen des Präsidiums sehr herzlich.

Die Mitglieder des Hauptausschusses und Gäste verabschieden Dr. Irme Stetter-Karp nach sechs Jahren als Präsidentin mit Standing Ovations.

Fachliches Schwerpunktthema: Generationen im Blick: Wie wir heute die Handlungsfähigkeit künftiger Generationen sichern

Zu Beginn der fachlichen Diskussion stellte Luka Krauss, Policy-Assistent für Generationengerechtigkeit und Jugendpolitik – Generaldirektion Bildung, Jugend, Sport und Kultur der EU-Kommission, per digitaler Zuschaltung die erste EU-Strategie zur Generationengerechtigkeit vor. Sie hat zum Ziel, politisches Handeln unter Einbeziehung der Perspektiven junger Menschen zu stärken. Die Strategie wurde beteiligungsorientiert (Co-Creation) erarbeitet und sieht Maßnahmen wie einen „Jugendcheck“ für politische Vorhaben oder die Entwicklung eines Index für Generationengerechtigkeit vor, um die politischen Entscheidungen evidenzbasiert zu stützen.

Live aus Brüssel zugeschaltet: Luka Krauss, Policy-Assistent bei der Europäischen Kommission.

Im Anschluss diskutierte Prof. Dr. Alena Buyx, Institutsdirektorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der TU München, in ihrem Vortrag den Begriff der Generationengerechtigkeit und erörterte mögliche Schlussfolgerungen für die Ausrichtung sozialstaatlichen Handelns. Gerechtigkeit bedeute nicht zwangsläufig Gleichheit: Menschen haben je nach Lebensphase unterschiedliche Bedürfnisse und Voraussetzungen. Anknüpfend an den Ansatz des Capability Approach oder Fähigkeitsansatz von Amartya Sen und Martha Nussbaum stellte Buyx deshalb die Befähigung von Menschen als Frage der Gerechtigkeit in den Mittelpunkt. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen müssten es ihnen individuell ermöglichen, grundlegende Fähigkeiten zu entwickeln und ihr Leben zu gestalten. Insofern ist nicht Gleichbehandlung, sondern individuelle Passung das sozialpolitische Ziel.

Für den Sozialstaat folgt daraus eine Lebensverlaufsperspektive. Da sich Bedarfe im Lebensverlauf ändern und die Entwicklung von Fähigkeiten zur Lebensgestaltung aufeinander aufbaut, müsse insbesondere in den Anfang des Lebens stärker investiert werden. Kinder und Jugendliche müssen in den Fokus – auch in der Mittelverwendung. Der Gedanke zu investieren statt zu reparieren setzt sich auch darin fort Prävention als eine zentrales politisches Handlungsfeld in den Mittelpunkt zu rücken.

Diskussion

In der anschließenden Diskussion wurde zugleich deutlich, dass Generationengerechtigkeit nicht auf einen Verteilungskonflikt zwischen Zukünftigen und Heutigen oder Jung und Alt sowie die Sicherung des Generationenvertrags in den sozialen Sicherungssystemen reduziert werden sollte. Jens-Peter Kruse, stellvertretender Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen, verwies auf soziale Ungleichheiten innerhalb der Generationen und warnte davor, den demografischen Wandel ausschließlich als Belastung zu betrachten. Dr. Miriam Saati, Unterabteilungsleiterin im Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, sprach sich ebenfalls für einen stärker investiven Sozialstaat mit Blick auf gelingende öffentliche Daseinsvorsorge aus.

Unter der Moderation von Dr. Julia Kropf (r.) diskutierten Prof. Dr. Alena Buyx (l.), Dr. Miriam Saati (2.v.l.) und Jens-Peter Kruse (2.v.r.) wie Chancen, Ressourcen und Lasten fair zwischen den Generationen verteilt werden können.

Verleihung Cäcilia-Schwarz-Förderpreis für Innovation in der Altenhilfe

Im Rahmen der Hauptausschusssitzung wurde zum zehnten Mal der Cäcilia-Schwarz-Förderpreis für Innovation in der Altenhilfe verliehen. Die erste Verleihung erfolgte 2006 beim 76. Deutschen Fürsorgetag in Düsseldorf. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wendet sich an Wissenschaftler*innen, die in ihren wissenschaftlichen Arbeiten innovative Ergebnisse erzielt haben und zu neuen Erkenntnissen gelangt sind, die zur Verbesserung der Lebensqualität älterer Menschen, ihrer gesellschaftlichen Teilhabe sowie ihrer selbstbestimmten und selbstständigen Lebensweise beitragen und ist nach der privaten Stifterin Cäcilia Schwarz benannt. Der diesjährige Preis steht unter der Schirmherrschaft von Karin Prien, Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

In Vertretung der Bundesministerin würdigte Jürgen Müller, Abteilungsleiter im Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die diesjährigen Gewinnerinnen und gratulierte ihnen herzlich. Die Vorsitzende des Kuratoriums Prof. Dr. Sabine Pleschberger war selbst vor zwanzig Jahren die erste Preisträgerin des Cäcilia-Schwarz-Förderpreises. In ihrer Laudatio betonte sie zunächst die Bedeutung der Auszeichnung, einerseits als Wertschätzung für die Wissenschaftler*innen, andererseits aber eben auch für die Herstellung von Sichtbarkeit für die Lebenssituation älterer Menschen.

Ausgezeichnet wurden in diesem Jahr Dr. Anna Brückner und Dr. Marlene Jänsch mit zwei sehr unterschiedlichen Arbeiten. Dr. Anna Brückner untersucht in ihrer Arbeit „‚Blaue Gesundheit‘ für gesundes Altern? Stadtblau als potenzielle therapeutische Landschaften für ältere Menschen in Ahmedabad und im Ruhrgebiet“ die Wirkung von urbanen Wasserflächen auf Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität älterer Menschen. Sie kann zeigen, dass Stadtblau nicht nur nice-to have, sondern wichtig ist für Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität älterer Menschen. Sie geben Gelegenheit zum generationsübergreifenden Kontakt und gemeinsamen Erlebnissen, bieten Potenzial zur Unterstützung bei der Bewältigung altersassoziierten Herausforderungen. In diesem Sinne sollte Stadtblau als strategische Maßnahme der Gesundheitsförderung von den relevanten Akteuren der Stadtplanung verstanden werden. In ihrer Laudatio hob Prof. Dr. Sabine Pleschberger den konkreten Anwendungsbezug für die Altenhilfe und hier insbesondere die Nutzung durch sehr unterschiedliche Gruppen älterer Menschen, womit der Heterogenität und Vielfalt des Alters Rechnung getragen werde.

Dr. Marlene Jänsch nimmt in ihrer Arbeit „Sorgearbeit im Sozialraum. Bildungspotenziale in ehrenamtlichen Hilfen für ältere Menschen“ das Gestaltungspotenzial von ehrenamtlichen Hilfebeziehungen in den Blick. In Paar- und Einzelinterviews untersucht sie, wie diese Beziehungen im Laufe der Hilfe stets neu hergestellt, angepasst und fortlaufend verändert werden. Die Ergebnisse geben Einblick in die hohe Dynamik und Prozesshaftigkeit solcher Hilfebeziehungen. Es wird gezeigt, dass die Qualität der Unterstützung nicht alleine von der Vermittlung eines passenden Angebotes abhängt, sondern wesentlich davon, ob Bedürfnisse, Erwartungen, Verantwortlichkeiten sowie Grenzen kontinuierlich und möglichst dialogisch abgestimmt werden. In der Laudatio wurden die praxisnahen Vorschläge der Arbeit besonders gewürdigt, z.B. dass Vermittlungsstellen von freiwillig Engagierten inhaltlich ausgebaut und zu Orten professioneller Beziehungsbegleitung gemacht und Reflexions- und Abstimmungsformate etabliert werden sollten. So könnten Konflikte frühzeitig bearbeitet und Engagierte unterstützt werden, etwa bei der Begrenzung ihrer Verantwortung. In einem solchen Rahmen könne sich dann auch das hohe Lern- und Transformationspotenzial entfalten, welches der gemeinsamen Gestaltung von ehrenamtlichen Hilfebeziehungen innewohnt.

v.l.n.r.: Jürgen Müller, Prof. Dr. Sabine Pleschberger, Dr. Marlene Jänsch, Dr. Anna Brückner, Dr. Irme Stetter-Karp