3 Fragen an Prof. Dr. Sabine Pleschberger
In unserem Interview sprechen wir mit über ihr beruflichen Werdegang, die größten Herausforderungen in der Pflege und Altenhilfe in Deutschland sowie das Thema Generationengerechtigkeit.
dv aktuell: Frau Prof. Pleschberger, im Jahr 2006 wurde der Cäcilia-Schwarz-Förderpreis erstmals verliehen – Sie waren damals die Preisträgerin. Wie hat sich Ihr beruflicher Werdegang seitdem entwickelt?
Pleschberger: Die Verleihung des Cäcilia-Schwarz Förderpreises für meine Dissertation zum Thema „Sterben in Würde aus der Perspektive von Menschen in Pflegeheimen“ war ein großer Moment für mich: Nicht nur die Wertschätzung, die darüber vermittelt wurde, sondern auch weil meine Arbeit auf diese Weise für Fachpersonen ganz unterschiedlicher professioneller Herkunft sichtbar wurde. Eine solche Wirkung ist bei akademischer Qualifizierungsarbeit doch eher ungewöhnlich. Der Cäcilia-Schwarz-Förderpreis hat meiner Arbeit eine gesellschaftliche Relevanz zugesprochen, was mich in hohem Maße motiviert hat, weiter wissenschaftlich im Bereich der Pflege tätig zu sein. Ich habe dann Erfahrungen an unterschiedlichen universitären und außeruniversitären Forschungsreinrichtungen gesammelt und mich fünf Jahre später in Pflegewissenschaft und Palliative Care habilitiert. Der Weg hin zu der Professur, die ich aktuell innehabe, war schon kurvenreich, das ist aber nicht untypisch für vergleichsweise junge wissenschaftliche Disziplinen, wie sie die Pflegewissenschaft im deutschen Raum darstellt.
dv aktuell: Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen in der Pflege und Altenhilfe in Deutschland? Gibt es Unterschiede zu Österreich?
Pleschberger: In Deutschland wie in Österreich stellt es eine große Herausforderung dar sicherzustellen, dass wir den Bedarf an pflegerischer Versorgung gegenwärtig und in Zukunft so decken können, dass Menschen bis ins hohe Alter ein gutes Leben führen können. Das wären Ziel und Anspruch, aber es handelt sich hierbei um eine komplexe Aufgabe: Das, was ein gutes Leben bedeutet bzw. ausmacht, mag individuell unterschiedlich sein, die Voraussetzungen dafür, dies zu realisieren, unterscheiden sich noch viel stärker in der Gesellschaft. Wir kommen aber nicht umhin, eine Verständigung zu den zentralen Fragen voranzutreiben: Was soll denn in welchem Umfang an Pflege(leistungen) verfügbar sein? Was davon soll für wen öffentlich finanziert werden? Und wer soll an der Erbringung von Pflege beteiligt sein? Informelle Pflege ist eine wichtige Säule, vielleicht lässt sie sich zukünftig nicht mehr so einfach auf Familie(n) reduzieren, aber auch sie „kostet“ – sowohl auf individueller Ebene als auch volkswirtschaftlich betrachtet. Diese politische Diskussion sollte auf dem Boden wissenschaftlicher Grundlagen sowie mit breiter gesellschaftlicher Partizipation geführt werden.
Ein Aspekt, der in beiden Ländern immer wieder solche Debatten erschwert, besteht darin, dass Pflege im Kontext der Altenhilfe in der Fachdiskussion ebenso wie in der öffentlichen Wahrnehmung auf das reduziert wird, was für Deutschland gesprochen im SGB XI abgebildet ist. Das Potenzial qualitätsvoller Pflege, das Potenzial der beruflichen und professionellen Pflege gerade auch für die Prävention bzw. die Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden wird dabei verkannt und bleibt ungenutzt. Diese Problematik beobachten wir in beiden Ländern, wiewohl unterschiedliche Logiken der Finanzierung im Bereich der Langzeitpflege auch jeweils spezifische Problematiken hervorbringen. Sie hat nicht nur Folgen für die Qualität der Versorgung, sondern auch für die Attraktivität der Pflegeberufe: Auch wenn es in der Altenhilfe auch Bezüge zu Sozialberufen geben mag – Pflege als Gesundheitsberufe mit Karriereperspektiven und neuen Rollen zu entwickeln, ist das Gebot der Stunde, damit Pflegepersonen im Beruf bleiben und damit möglichst viele Menschen diesen Beruf ergreifen.
dv aktuell: In Deutschland geht es derzeit viel um die Generationengerechtigkeit. Wie blicken Sie als Pflegewissenschaftlerin und Cäcilia-Schwarz-Preisträgerin auf dieses Thema?
Pleschberger: Die Diskussion erfolgt in Hinblick auf demografischen Wandel und die Herausforderungen insbesondere mit Blick auf die Sicherung der Renten und der steigenden Last, die nachfolgende Generationen zu tragen haben. Als Pflegewissenschafterin geht es mir natürlich auch darum, dass Pflegebedürftigkeit nicht nur aus der Perspektive der Last, der Belastung betrachtet wird, sondern dass eine gewisse Vulnerabilität – ebenso wie Resilienz – zur conditio humana gehören und wir als Ausdruck von Humanität diese Lasten solidarisch tragen. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil die gesundheitliche Lage im hohen Alter von großen sozialen Unterschieden geprägt ist. Diese lassen sich nicht über veränderte Ernährung oder Fitnessprogramme nivellieren, auch wenn Letztere sinnvolle Interventionen bis ins hohe Alter darstellen (und deshalb für alle zugänglich sein sollten).
Generationengerechtigkeit geht schließlich über die o.g. Finanzierungsaspekte hinaus, und gerade in Hinblick auf die Pflege gilt es, Aspekte von Reziprozität des Zusammenlebens in den Vordergrund zu stellen. Pflege bedeutet mehr als die reine „Versorgung“ pflegebedürftiger Menschen, sondern es ist Interaktionsarbeit, es geht immer um Beziehung(en). Ein gegenseitiges In-Beziehung-Treten ist nur unter passenden Rahmenbedingungen möglich und bestimmt somit auch wesentlich die Arbeits-/Berufszufriedenheit von Pflegepersonen mit. Hier gilt es, wissenschaftliche Erkenntnisse ernst zu nehmen und Arbeitsbedingungen so zu entwickeln, dass die Bereitstellung von würdevoller Pflege gesichert ist. Angesichts der sich zuspitzenden Personalmangelsituationen gilt es hier, die Dynamik der letzten Jahr(zehnt)e zu durchbrechen und jetzt die Weichen zu stellen für zukünftige Generationen von Pflegenden und Pflegebedürftigen.
Zur Person
Prof. Dr. Sabine Pleschberger ist seit dem 1. Dezember 2023 Stiftungsprofessorin für Pflegewissenschaft am Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien. Sie gewann als erste Preisträgerin den Cäcilia-Schwarz-Förderpreis, dessen Kuratorium sie nun in diesem Jahr vorsitzt.