Fachforum 1.7: Jobcenter oder Zentrum für Arbeit, Kultur und Soziales – Was brauchen wir für die Integration von Langzeitarbeitslosen und Geflüchteten?

Zusammenfassung

Das Image der Jobcenter wurde durch die Politik vorgeprägt. Sie haben einen knapp gehaltenen Leistungsanspruch umzusetzen und Leistungsmissbrauch zu bekämpfen. Dieses Image haben die Jobcenter mehr oder weniger überwunden. Sie sind besser als ihr Ruf. Sie sind vor Ort angekommen und verankert. Da Jobcenter insgesamt unzureichend ausgestattet sind, ist es schwierig, vorhandene Mängel abzubauen. Echtes Fallmanagement erfordert eine Betreuungsrelation von 1:25/30. Tatsächlich betreut eine Fallmanagerin im Jobcenter im besten Fall 75 Leistungsberechtigte, meistens sind es noch deutlich mehr.

Jobcenter sollten sich als erste Dienstleister bei Arbeitslosigkeit verstehen und so handeln, nicht als erste Dienstleister am Arbeitsmarkt. In den meisten Fällen müssen Jobcenter mit einer längeren oder wiederholten Arbeitslosigkeit und sog. Vermittlungshemmnissen von Leistungsberechtigten umgehen. Beratung und Zusammenarbeit für eine individuelle Entwicklungsperspektive haben die größte Erfolgsaussicht, werden aber so oft nicht realisiert. Statt auf Vertrauen wird auf Zuweisung gesetzt, statt eine Passung zu finden, wird Druck gemacht, statt die Ursachen und Folgen von Arbeitslosigkeit zu berücksichtigen und ein Arbeitsbündnis herzustellen, bekommen die Leistungsberechtigten ein softwaregestütztes Standardprofiling.

Die meisten Menschen brauchen eine wohlwollende Atmosphäre, praktische Unterstützung, eine günstige Gelegenheit (persönliches Momentum) und eine reale Chance, um sich zu verändern, neue Wege zu gehen oder noch einmal zu versuchen, was zu einem anderen Zeitpunkt nicht funktioniert hat. Wenn Jobcenter Teil eines „offenen Hauses“ sind, das mehr beherbergt als die behördlichen Ansprechpartner, wenn persönliche Stabilisierung und soziale Teilhabe ebenso als Leistung der Jobcenter anerkannt sind wie die Vermittlung in Arbeit, und wenn Jobcenter in der Lage sind, tatsächlich umfassend auf individuelle Bedarfe einzugehen und die Ressourcen von Leistungsberechtigten wirksam werden zu lassen, dann haben Jobcenter die gesetzliche verfasste Engführung und Widersprüchlichkeit ihrer Gründung überwunden – und brauchen eine neue Bezeichnung.

Mitwirkende

Moderation

  • Prof. Dr. Jens Wurtzbacher, Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB)


Vortrag/Diskussion

  • Prof. Dr. Rainer Göckler, Studiengangleiter Arbeit, Integration und soziale Sicherung, Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart
  • Dr. Andreas Hirseland, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Nürnberg
  • Jürgen Peeß, Amtsleiter im Jobcenter Stuttgart

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